Katharina Lüdicke
Sommersemester 2010
Betreuung: Prof. Berndt Wilde
Utopische Behausung
Provisorische Architektur schafft die Möglichkeit, Wünsche und Vorstellungen der Stadtbewohner anhand vorgegebener Modelle zu konkretisieren, Verhaltensweisen in Erfahrung zu bringen. Provisorien sind Instrumente der Demoskopie. (Laurids Ortner)
Aus drei zusammengetragenen Schrankwänden baute ich mir meine eigenen vier Wände, dreigeschossig - zumindest zum Wohnen am Wochenende - aber dafür in Mitte, Bernauer Straße, Ecke Strelitzer Straße. Am ehemaligen Mauerstreifen liegt heute eine unsichtbare Grenze. Mietskasernen und soziale Brennpunkte auf der ehemaligen Westseite, schicke private Townhouses und gutbürgerliches Leben gegenüber. Dazwischen findet der Ausbau der Mauergedenkstätte statt. Der öffentliche Raum, in dem mein Häuschen im Townhousestil stand, ist heute neu besetzt...
Gespannt verfolge ich als Bildhauerin seit einiger Zeit den Wandel der Stadt Berlin. Im Stadtraum und in öffentlichen Institutionen interveniere ich durch architektonische Installationen und künstlerische Objekte mit paradoxen Bezügen zum örtlichen Kontext und zu den Mitmenschen. Daher gelingt es mir, Beobachtungen anzustellen, Reaktionen zu hinterfragen und eigene Schlüsse zu ziehen - wie zum Beispiel an meinem Townhouse-Wochenende.
Daraus entwickelte ich auch mein theoretisches Diplomthema zu der experimentellen provisorischen Architektur und ihren Möglichkeiten zur Gestaltung einer individuelleren städtischen Umwelt. Hierzu habe ich eine umfangreiche Bildersammlung von provisorischen Architekturen weltweit, aber auch von Berlin als mein direktes Umfeld, angelegt. Diese führe ich nun stetig fort. Denn das Provisorische, das Unmittelbare ist eine Möglichkeit für die Entwicklung von Vorstellungen und auch von Wünschen - einmal ein Häuschen in Mitte haben und dort wohnen -. Das Imperfekte von provisorischen Architekturen gibt noch genügend Freiraum für weiteres Denken. Durch Schaffensdrang, Spontanität und die Ökonomie des Materials, durch individuelle Lösungen von Laien entstehen möglicherweise eines Tages unerwartete Ergebnisse. Die zukünftige Mitgestaltung von öffentlichem Raum durch die Stadtbewohner selbst ist eine relevante konkrete Stadtutopie.