Wintersemester 2011/12, Malerei

20 x 15 x 3,5 solo show

solo exhibition

Bettina Scholz

"20 x 15 x 3,5"

Galerie M + R Fricke

17 March - 28 April 2012

OPENING 16 MARCH 2012, 7-9 PM

 

Das Große im Kleinen: 20 x 15 x 3,5 von Bettina Scholz

 

Bettina Scholz‘ kleine Gemälde durchweg gleichen Formats zeigen aus der Ferne, meist in einer engen tonalen Spannweite, mehr oder weniger verdichtete Farbstrukturen, die sich bei Betrachtung aus der Nähe als überschaubare Fantasien nahe an der Grenze einer sich eben erst konkretisierenden, kaum erahnbaren Gegenständlichkeit erweisen. Oft scheint sich dem Blick eine distanzierte Szene zu öffnen, dann findet er auch nahsichtig wirkende Gebilde, die er sich erst deuten muß, aber fast nie eindeutig benennen kann. Der Blick scheint über neblige Landschaften zu schweifen, in denen Figuren auftauchen können oder Objekte, wie ein Schiff oder ein Flugzeug. Dann sieht man sich einer ganzfigurigen Lichtgestalt oder einem finsteren Gesicht gegenüber, doch nie läßt sich der Gegenstand völlig und präzise benennen. Deutlicher zu erkennen sind dagegen die meist in einem farbig aufgeladenen Grauspektrum gehaltenen, dunklen Farben, die dünnflüssig auf einen hellen, oft auch farbigen Grund aufgetragen wurden. Man erkennt, daß ein beispielsweise gelber Grund mit dünnflüssigen, schwarzbräunlichen Farbschleiern bedeckt und mit einfachen Mitteln, Lappen und Fingern, noch wenig zielgerichtet bearbeitet, verschoben und verquetscht, ausgewischt und teils freigelegt wurde, wobei sich wolkige, kreisende oder streifige, jedenfalls lichthafte Strukturen bilden, die durch weitere Akzentuierungen, auch pastoseren Farbauftrag, präzisiert sein können.

 

Die vage erkennbare Bildwelt entsteht aus einem freien, eher experimentellen Auftrag flüssiger Farbe, die anfangs noch informelle Helldunkel-Strukturen bildet und sich, ausgehend vom Erkennen bildlicher Möglichkeiten, erst allmählich durch weitere, mehr oder weniger zeitaufwändige Eingriffe konkretisiert. Ähnliche Verfahren finden sich bereits im Schaffen einiger Vorläufer und Vertreter des Surrealismus – man denke an die Zeichnungen des immer noch unterschätzten Victor Hugo oder an Bilder von Gustave Moreau, dann besonders an Max Ernst oder Richard Oelze. Deren durch beabsichtigte oder hingenommene Zufälligkeiten vorangetriebenen Gestaltungsverfahren öffneten dem unterbewußten Potential der künstlerischen Fantasie den Weg zur Sichtbarkeit ihrer eigenartigen Bildwelten, und auch bei Bettina Scholz steht das gestalterische Ziel nicht von vornherein fest, sondern stellt sich erst im Prozeß ein. Vorgefaßte Themen gibt es nicht, doch fallen sie der Malerin zu, denn sie sieht sehr bald thematische Möglichkeiten in der entstehenden Farbstruktur, die es herauszuarbeiten gilt. Der Anfang der Malerei ist demnach immer ähnlich gelagert, doch erfolgen, je nach dem visionären Potential, je andere Bildfindungen, und um Findungen handelt es sich in der offenen Arbeitsweise allemal, zuerst eher zufällig, dann immer mehr gesteuert.

 

Auch wenn – oder gerade weil – die Bildwelt in der vagen Andeutung gehalten bleibt, kann der Betrachter sie durch sein aktives Sehen mit Sinn füllen, ohne punktgenau auf eine von der Künstlerin vorgegebene Bedeutung festgelegt zu sein. Dabei ist durchaus möglich, daß er aufgrund der gleichen Erfahrungen zu ähnlichen Sichtweisen gelangt. Einem aufmerksamen Kinogänger beispielsweise werden einzelne Motive mehr oder weniger bekannt vorkommen und an den einen oder anderen Film erinnern, den sein Gedächtnis abgespeichert hat, doch fast nie erkennt er eine ihm bekannte Filmszene wieder. Bettina Scholz‘ Bilder sind keine Illustrationen, auch nicht des eigenen Bilderspeichers im Kopf. Ihre Bildwelten evozieren vielmehr Erinnerungen, die man mit ihr gemeinsam haben kann, oder andernfalls eine offene Fantasie, in die hineinzusehen und sich hineinzudenken ein Angebot ist. Was dem einen Betrachter spätmanieristische Architekturfantasien in den Sinn kommen lassen mag, könnte bei jemand anderem eine Sequenz aus einem Film von Federico Fellini ins Gedächtnis rufen oder einen dritten an ein Ereignis seiner Kindheit oder einen seiner nächtlichen Träume erinnern. Eine Festlegung findet nicht statt in einer Bildwelt, die als eine Art autonomer Chronotopos außerhalb jeder linearen Zeit- und kohärenten Raumerfahrung zu liegen scheint. Nicht zuletzt hierin liegt der Reichtum dieser Malerei, die trotz kleiner Formate große Themen ansprechen kann.

 

Matthias Bleyl

ProjektkategorieProjekt Projekt-Fächer Malerei
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